Exlibris - Der Büchertalk

mit Jürgen Kuttner

Jürgen Kuttner unterhält sich jede Woche mit einem prominenten Gast über dessen Lieblings(hör)bücher, seine literarischen Helden und Sätze, die ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen.

Diese Woche mit:

Frank Sorge

Autor / Mitglied der "Brauseboys"

Der Exlibris-Fragebogen zum Nachlesen

01 : Wenn ich ein Buch oder eine literarische Figur wäre. (Beschreiben Sie in wenigen Sätzen, was für eine Art Buch oder literarische Figur Sie im Fall der Fälle wären.)

Im Grunde behandle ich mich in meinen Geschichten als literarische Figur, also nicht viel anders als ich bin, ein schreibender und vorlesender Halb-Nerd, Kreativ-Junkie und Ex-Langzeitstudent. Als Buch wäre ich gern ein schlichter Gedichtband, schlank und mit zeitlosen, nicht zu verschrobenen Versen.

02 : Welches sind Ihre max. 10 Lieblingsbücher aus Kindheit, Jugend und Erwachsenendasein? (Autor und Titel)

Tolkien, Herr der Ringe
Pascal, Gedanken

Friedrich Nietzsche, der Antichrist
Goethe, Die Leiden des jungen Werther
Mike Resnick, Walpurgis III
Shakespeare, Gesamtausgabe

Bukowski, Liebesleben der Hyäne
Michael Chabon, Wonder Boys
Bruce Chatwin, Was mache ich hier
Elfriede Jelinek, die Liebhaberinnen

03 : Erinnern Sie sich an Ihr allererstes Buch? (Welches)

Ich erinnere mich an meine Märchenbücher, aber der erste selbständig erschlossene Roman war ein rororo-Jugendbuch oder Kinderroman, ich war da etwa in der vierten Klasse. Ich komme aber leider nicht mehr auf den Titel, auch nicht mit Unterstützung von Google. Es ging um einen bösen Tintenklecks, einen Fehlerteufel, der gute Schulnoten in schlechte verwandelte oder irgendwie so. Es war nicht so doll, der pädagogische Wert zweifelhaft, aber danach wusste ich, dass ich so ein langes Buch lesen kann. Es war wie ein Test für mich und ich glaube, es war auch irgendwie Fremdeinwirkung dabei, damit ich nicht nur Comics lese. Die waren meine eigentlichen ersten Bücher nach den Märchen, ich las sie unablässig, zu der selben Zeit hatte ich auch schon angefangen, selber welche zu zeichnen. Mein erstes Buch war also eigentlich “Max - der stärkste Vogel der Welt”, war ordentlich von meinem Vater zusammengeheftet und hatte dreißig Seiten.

04 : Wer ist ihr Lieblingsautor/ ihre Lieblingsautorin?

Eine Frage, die ich nie beantworten kann. Es waren immer mehrere und es hat sich auch immer wieder mal geändert. Die schon genannten würde ich alle dazuzählen und könnte nur ergänzen, außerdem habe ich mich hier bislang auf Prosa beschränkt und alle Dramatiker und Lyriker weggelassen. Es kämen noch Brecht, Schnitzler, Homer, Jandl dazu, mindestens. Und oben fehlen sowieso noch Arno Schmidt und Thomas Kapielski, Terry Pratchett, Raymond Chandler oder Elmore Leonard. Erschreckend wenig Frauen, aber ganz ehrlich sind es auch seit Jahren die Lesekollegen der Berliner Bühnen (kann also Kirsten Fuchs und Sarah Schmidt nachtragen), das höre ich mir immerhin seit Jahren jede Woche mit bleibender Freude an.

05 : Wie kommen die Bücher zu Ihnen? (Durch Empfehlungen, Stöbern im Buchladen, etc.)

Die meisten meiner Bücher sind aus dem Antiquariat bzw. der Trödelmarktkiste, auch weil ich nie viel Geld hatte. Ich kann stundenlang staubige Kisten durchgucken und habe das jahrelang auch jede Woche mehrmals getan. Sobald zehn oder zwanzig Mark über waren, kam ich sofort mit schwer gefülltem Rucksack nach Hause. Meine damalige Freundin forderte irgendwann sogar einen Bücherstopp für das gemeinsame Zusammenleben - das nehme ich ihr glaube ich immer noch übel, da ich mich lange dran gehalten habe. Aber es hatte wirklich etwas Zwanghaftes, vielleicht gut, dass ich etwas gebremst wurde. Man muss sich wirklich nicht die ganze Stadtbibliothek in die Wohnung holen. Was ich aussuche, folgt schon immer einem inneren Kanon, der sich aus allem speist, was in den Büchern selbst drinsteht, mir das Studium mitgegeben hat und natürlich auch den persönlichen Empfehlungen. Bestsellerlisten interessieren mich eigentlich nicht.

06 : Was machen Sie mit gelesenen Büchern?

Die kommen literaturgeschichtlich sortiert in die Bücherregale. Da schlägt dann der verhinderte Germanist durch.

07 : Was würden Sie niemals lesen?

Das ist gerade sehr einfach: Sarrazins “Deutschland schafft sich ab” werde ich nicht anrühren. Vor Allem, weil er immer so sehr darauf besteht, dass man es gelesen haben muss. Aber im Grunde lese ich alles, Inhaltsstoffe auf Verpackungen, die “Einkauf Aktuell” - nicht lesen fällt mir sehr schwer. Aber was mir nicht gefällt, kann ich auch schnell weglegen.

08 : An welche Menschen verleihen Sie Bücher?

Im Grunde an alle, die ich in die Wohnung lasse und von denen ich denke, dass ich sie noch ein weiteres Mal sehen werde. Um welches Buch es geht, spielt natürlich auch eine Rolle. Entscheidend ist aber, ob ich glaube, dass es dann auch gleich gelesen wird. Ausgeliehene Bücher, die ich nach zwei Seiten wieder weggelegt habe, habe ich selbst genug herumliegen - die Wahrscheinlichkeit der Rückgabe sinkt dramatisch. Wenn ich Bücher, die ich sowieso gerne empfehle, für einen Euro in einer Trödelkiste sehe, greife ich meist zu, obwohl ich schon eins zu Hause habe. Dann kann ich bei Interesse gleich das überzählige Buch verschenken.

09 : Welches Buch müssen Sie unbedingt noch lesen? (Autor und Titel)

Ein Freund hat mir letztes Jahr Zola nähergebracht, da sind noch unzählige Romane übrig, die ich unbedingt lesen will. Als Jugendlicher habe ich fast den ganzen Adalbert Stifter gelesen, außer “Nachsommer”, das weit oben auf der Liste steht. Diese neue Suhrkamp-Ausgabe von Zettel’s Traum brauche ich auch noch, sollte sich mein Geldbeutel mal richtig füllen. Dann habe ich in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten auch viele Neuerscheinungen verpasst, Elementarteilchen etwa, oder Neue Vahr Süd.

10 : Welches sind Ihre Lieblingshörbücher? (Autor, Titel und Interpret)

Ein wunder Punkt, hoffentlich werde ich nicht gleich wieder ausgeladen. Im Grunde höre ich bislang garkeine Hörbücher. Wenn ich aber in eins hineinhöre, dann eigentlich nur, um den Autor oder die Autorin selbst lesen zu hören. Und wenn das nicht geht, darf es mir auch Harry Rowohlt vorlesen. Ein Jandl-Hörbuch zum Beispiel würde ich sofort kaufen, wenn ich drüber stolpere, aber da ich weiß, wie er vorgelesen hat, brauche ich es auch nicht dringend. Schön finde ich die Hörbücher, die im Lesebühnen-Umfeld entstanden sind, wie unsere Brauseboys-Doppel-CD, aber das wäre jetzt auch viel Eigenwerbung. Sollte ich mal ein Auto besitzen oder überhaupt einen Mp3-Player, wird sich das aber vielleicht ändern mit mir und den Hörbüchern.

11 : Haben Sie ein Lieblingsgedicht? (Autorin, Titel ­ und/oder: Können Sie es zitieren?)

Eher diverse, vom genannten Ernst Jandl ist ganz frisch als neues Lieblingsgedicht “my own song” dazugekommen. Von denen, die ich halbwegs auswendig kann, muss ich auch Goethes Prometheus nennen, das ist halt eine Sinfonie im Ohr. Kästners Sachliche Romanze haut mich aber auch immer weg oder Hölderlins “An die Parzen”. Coolere Gedichte fallen mir gerade nicht ein.

12 : Gibt es beeindruckende Sätze oder Fragmente aus Büchern, die Sie behalten haben?

Wäre vermutlich schlimm, wenn nicht. Oft sind es die Anfänge, wie “Ich bin nicht Stiller”, “Lolita, Licht meines Lebens” oder “uns ist in alten Mären wunders viel geseit”, die ich mir stellvertretend merke, weil sie mich so unbarmherzig hineingezogen haben, oder die ersten zwei oder drei Seiten von Raymond Queneaus “Ein strenger Winter” zum Beispiel. Da war ich wirklich baff, als ich die gelesen habe, eine genial geschilderte Parade bunt gewandeter Chinesen, die mit dem restlichen Buch überhaupt nichts mehr zu tun hat. Im letzten Jahr hat mich eine Szene aus Hamsuns “Pan” gefangen gehalten, der äußerst unsympathische Protagonist erschießt seinen Hund, der im Grunde der einzige ist, zu dem er eine intakte Beziehung hat

13 : Welche literarische Persönlichkeit hat Sie beeindruckt? (Autor, Titel, Persönlichkeit)

Ich glaube, ich bin immer noch viel zu beeindruckt von allen, die schreiben oder das Geschriebene lieben und verbreiten. Aber hier muss ich meine Lesebühnenkollegen nennen, die ich vor zehn Jahren vor Allem bei der Reformbühne oder LSD und den Surfpoeten gesehen habe - das hat mich offenbar sehr beeindruckt, das wöchentlich Geschriebene so vorzulesen, dass ich alles stehen und liegen gelassen habe, um hinterherzulaufen. Ich zähle sie jetzt aber nicht auf.

14 : Wie sähe die Welt ohne Bücher aus?

So wie vor ein paar tausend Jahren, schwer vorstellbar. Fressen, schlafen und sich paaren den ganzen Tag. Sollten wir als Menschen einmal ausgedient haben, werden aber auch die nachfolgend erleuchteten Nagetiere Bücher schreiben, da bin ich mir sicher. Und da es vermutlich im ganzen Universum hier und da etwas wie die Erde gibt, gibt es womöglich schon seit vielen Millionen Jahren immer Bücher irgendwo und erst wieder nicht, sollte mal so richtig alles Schluss sein.

15 : Sie dürfen 5 lebende oder bereits verstorbene Autorinnen oder Autoren zum Dinner einladen: Wer wird es sein?

Ich würde mich an die verstorbenen halten, bei den anderen klappts ja vielleicht noch. Und ich würde mal eine englische Runde draus machen: Wenn Douglas Adams kommen könnte, wäre das schön, Bruce Chatwin dazu, Shakespeare, und Jane Austen für meine Freundin, außerdem Oscar Wilde. Und dann würde ich einfach nur den Mund halten und zuhören.

Location

Die "Exlibris"-Sendungen werden in der Weinhandlung "Les Caves" in Berlin-Friedenau aufgezeichnet.

Les Caves-Weine

Helmut Seeger
Hedwigstraße 10
12159 Berlin

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