Exlibris - Der Büchertalk

mit Jürgen Kuttner

Jürgen Kuttner unterhält sich jede Woche mit einem prominenten Gast über dessen Lieblings(hör)bücher, seine literarischen Helden und Sätze, die ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen.

Diese Woche mit:

Eric T. Hansen

Autor

Der Exlibris-Fragebogen zum Nachlesen

01 : Wenn ich ein Buch oder eine literarische Figur wäre. (Beschreiben Sie in wenigen Sätzen, was für eine Art Buch oder literarische Figur Sie im Fall der Fälle wären.)

Ich wäre der Butler in einem Krimi. Während des ganzen Buches habe im Grunde gar nichts zu tun, ich stehe nur im Hintergrund rum und die anderen machen die Arbeit, dann, am Ende, mein großer Auftritt: Ich werde entlarvt und ich gebe alles zu und verfluche alle, die mir mein ganzes Leben lang im Wege gestanden haben, in einem bitteren, leidenschaftlichen Monolog.

02 : Welches sind Ihre max. 10 Lieblingsbücher aus Kindheit, Jugend und Erwachsenendasein? (Autor und Titel)

Conan der Barbar!
Paulus and the Acorn Men
The Last Man / Die Gruene Wolke
Something Wicked This Way Comes / Bradbury
Lolita
Lonesome Dove / Weg in den Westen von Larry McMurtry
The March of Folly / Die Torheit der Regierenden, Barbara Tuchman
Graham Greene / Die Reisen mit meiner Tante / Travels with my Aunt
Die Nibelungen (mittelalterliches Original)
My Dark Places / Die Rothaarige. Die Suche nach dem Mörder meiner Mutter, James Ellroy
Garp John Irving

03 : Erinnern Sie sich an Ihr allererstes Buch? (Welches)

Ich wollte in der Schule lange nicht lesen – wahrscheinlich habe ich eine leicht Dyslexie – und meine Lehrerin wollte mich schon zurückstufen. Das Problem wart aber, dass ich alles langweilig fand. Bis ich in einem Schulbuch eine Geschichte entdeckte vom einem König, der zum Mond wollte. Also baute er eine sehr, sehr langen Leiter. Eine Leiter! Man musste auf die Idee kommen! Das hat mich fasziniert. Die Geschichte habe ich verschlungen und danach las ich alles, was ich in den Händen bekam, was irgendwas mit Fantasy, Sci-Fi oder Mittelalter zu tun hatte.

04 : Wer ist ihr Lieblingsautor/ ihre Lieblingsautorin?

Zwei: Mark Twain und Wolfram von Eschenbach. Beide hatten Humor, beide waren Genies, beide waren sehr spielerisch und wenig ernst. Dabei geht es nicht wirklich um ihre Buecher an sich – es geht mir mehr um sie als Vorbilder fuer eine Karriere. Wenn ich schreiben will, dann will ich wie sie schreiben. Wolfram hat sein Publikum verarscht und immer wieder sich selbst im Schreiben frei erfunden. Twain hat alles sagen durefen, was er sagen wollte, und keiner konnte es ihm uebel nehmen. Und beide vermischten das Schreiben mit dem Auftreten. Dazu vielleicht Barbara Tuchman, die so klug, weitsichtig und eingaengig Geschichte aufgeschluesselt hat.

05 : Wie kommen die Bücher zu Ihnen? (Durch Empfehlungen, Stöbern im Buchladen, etc.)

Eigentlich meist auf zwei Wegen: Ich lese eine Kritik in the New York Times oder ich brauche das Buch aus Recherchegründen. Dann aber manchmal wenn es mir besonders gut geht oder besonders schlecht oder ich steh vor oder kurz nach einer veraenderung in meinem Leben gehen ich eine Buchhandlung und kaufe ein Haufen Buecher wie in einem gierigen fieberhaften Trance.

06 : Was machen Sie mit gelesenen Büchern?

Die die ich nicht zu Ende lese liegen in riesigen Stapeln um das Zimmer herum, die die ich zu Ende lese, in kleineren Stapeln. Einige kommen dann ins Regal, wo sie bleiben, weil ich mir einbilde, ich werde sie irgendwann brauchen, weil ich zum Beispiel zum Thema mal ein Buch schreibe, oder weil ich das Buch so gut fand, dass ich mich nicht davon trennen will. Andere aber, die nicht gut waren, oder die ich sicher nicht 2x lesen werde, oder die als Recherche nicht weiter aktuell sind, müssen weg. Irgendwann kommt die Entscheidung: Zu Antiquariat oder ins Altpapier? Ich würde einige am liebsten verbrennen, aber meine Co-Autorin ist so erschrocken, dass ich es nie schaffe.

07 : An welche Menschen verleihen Sie Bücher?

Die meisten Bücher, die ich lese, liest kein anderer. Sie sind englischsprachig und meine Freunde sind Deutsche, oder sie sind Recherchebücher, die meine Freunde nicht interessieren. Alle stöbern bei mir im DVD-Regal, Keiner in meinem Bücherregal.

08 : Was würden Sie niemals lesen?

Es gibt Bücher, die ich aufmache und auf der ersten Seite schon sehe, dass der Autor nichts zu sagen hat und sich selbst nur profilieren will. Schon die Sprache ist eine einzige Schwaffelei. Es überkommt mich eine unglaubliche Ungeduld, und ich schmeiße das Ding in der Ecke. Peter Handke und Martin Walser gehören dazu, aber auch Jonathan Franzen.

09 : Welches Buch müssen Sie unbedingt noch lesen? (Autor und Titel)

Die gesammelten Werke von Shakespeare in einem Buch. Alles. Ich habe auch jetzt angefangen und schreibe auch hin und wieder ein Blog darüber. Danach die gesammelten Werke von allen großen Autoren. Die von Dickens höre ich. Chaucer, Boccacio, Cervantes, Dante muss ich mir noch mal vornehmen. Alle Gedichte von Walther von der Vogelweide.

10 : Welches sind Ihre Lieblingshörbücher? (Autor, Titel und Interpret)

Geliebt habe ich Obamas Träume meines Vaters, Dickens bei Librivox, außergewöhnlich für mich: Claus Cornelius Fischer van Leuwen Krimis (ich lese kaum Krimis). Fischers Romane verbreiten eine wohlige, unheimlich Melancholie; Obama hat eine scharfsinnige Beobachtungsgabe und seine Stimme atmet Weisheit aus; Dickens bei Librivox ist eine merkwürdige Freude, weil es freiwillige Amateure sind und ihre Stimmen sind untrainiert aber voller Witz und Persönlichkeit. Manche Sprecher sind gut, aber glatt: Sicks Sprecher und sogar der sonst großartige Stephan Fry auf Englisch mit Per Anhalter durch den Galaxis. Übrigens ist Die Nibelungen mit Peter Wapnewski schön und akademisch erfüllend zugleich.

12 : Gibt es beeindruckende Sätze oder Fragmente aus Büchern, die Sie behalten haben?

Jesus wept.
The First time I laid eyes on Terry Lennox he was drunk in a Rolls-Royce Silver Wraith outside the terrace of the Dancers.
Dogs are good
Her eyes swam in tears.

13 : Welche literarische Persönlichkeit hat Sie beeindruckt? (Autor, Titel, Persönlichkeit)

Als Kind las ich viele Krimis: Sam Spade (Hammet) und Phillip Marlowe (Chandler); Hagen und Kriemhild aus den Nibelungen; Bilbo Baggins;

14 : Wie sähe die Welt ohne Bücher aus?

Ich kann mir eine Welt ohne Bücher sehr gut vorstellen. Erstens fällt das physische Buch weg: Bücher werden irgendwann hoffe ich nur noch digital oder als Hörbücher vertrieben. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass in ferner Zukunft nicht mehr gelesen wird. Es wird gehört, es wird gesehen. Auf dem iPad erzählt ein Autor sein ganzes Buch direkt auf Video. Wie in den Tagen vor der Schrift, als alles erzählt wurde. Das Schreiben selbst wird nicht wegfallen: Software, Filme und Bücher bzw. Erzählungen, auch wenn sie am Ende nur in Form von Videos verkauft werden, müssen in der Produktionsstadium geschrieben werden. Aber der Leser muss nicht unbedingt lesen.

15 : Sie dürfen 5 lebende oder bereits verstorbene Autorinnen oder Autoren zum Dinner einladen: Wer wird es sein?

Mark Twain, Wolfram von Eschenbach, Christoffel von Grimmelshausen, Chaucer, Charles Dickens. Ich stelle mir vor, sie gehen alle aufeinander los und der Abend endet in einem Streit, in dem mit Essen geworfen wird.

Location

Die "Exlibris"-Sendungen werden in der Weinhandlung "Les Caves" in Berlin-Friedenau aufgezeichnet.

Les Caves-Weine

Helmut Seeger
Hedwigstraße 10
12159 Berlin

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